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Pilgererlebnisse

Hebron

In einem christlichen Gemeindezentrum in Jerusalem lernte ich eine Frau aus Sachsen kennen, die schon seit drei Jahren in Israel lebte. Als wir uns begegneten, war sie gerade im Begriff, wegen eines benötigten Geschenks – eine Vase aus Hebroner Glas – in eben diese Stadt zu fahren. Auch mich zog es nach Hebron - an das Grab Abrahams, des Vaters aller Glaubenden - für Juden, Christen und Muslime, der alle Bindungen an sein Land, seine Verwandtschaft und sein Vaterhaus löste, um offen zu sein für die Verheißungen Gottes (s Gen 12:1f) und verfügbar für dessen Pläne.

Mir ist mehrfach von einer Reise dahin abgeraten worden; auch kannte ich kein Reiseunternehmen, das diesen Ort in seinem Touristenprogramm führte. Zu viel Differenzen und Spannungen bestehen zwischen den Palästinensern und den Juden, die dort wohnen, was zu häufigen gewaltsamen Auseinandersetzungen führt, obwohl sich beide Volksgruppen auf Vater Abraham und das Land, das ihm zugesprochen worden ist, berufen. Somit ist das Pflaster in Hebron sowohl für alleinreisende Frauen als auch für ahnungslose Touristen zu heiß.

Als ich dieser Frau aus dem Gemeindezentrum erklärte, dass auch ich nach Hebron wollte, nahm sie erfreut meine Begleitung an. Zu zweit konnten wir ihre berechtigte Furcht und meine Ahnungslosigkeit leichter bewältigen.

Weil jüdische Autos dort häufig mit Steinwürfen empfangen werden und man Besuchern, die den Anschein erwecken Juden zu sein, oft sehr misstrauisch und unfreundlich begegnete, lenkten wir unsere Schritte zum arabischen Busbahnhof, der zwar eher an eine Mülldeponie erinnerte, aber dennoch zuverlässig funktionierte. Es gab dort weder Anzeigetafeln noch irgendwelche Informationen.

Ich fragte meine Begleiterin, wann denn der Bus nach Hebron fahre. „Wir werden sehen“, antwortete sie lächelnd und raunte einem Jungen etwas zu, der wie zufällig in unsere Nähe kam. Er entfernte sich wieder, und wir suchten uns ein schattiges Plätzchen, um auf unsere Abfahrt zu warten.

Nach fünfzehn Minuten wies uns dieser Junge einem Kleinbus zu. Wir stiegen ein und nahmen auf den freien Sitzen Platz – in der hinteren Reihe. Daraufhin wurde ich von den im Bus befindlichen Männern, die alle in der ersten Reihe saßen, sehr seltsam angeschaut. Ich begriff, wohin ich in diesem Fall gehörte, und quetschte mich mit in die erste Reihe. Man rückte zusammen und nickte zufrieden. Meine Begleiterin und eine Palästinenserin räkelten sich amüsiert auf den Polstern der hintersten Reihe. Jetzt war der Bus voll, und wir konnten abfahren.

Wir hielten auf einem belebten Platz am Rande Hebrons. Man musterte uns beide sehr erstaunt, waren wir doch leicht als Europäer zu erkennen, die sich in der Regel nicht hierher trauen.

Von dem Platz führten verschiedene Wege hinein in die Stadt. Wir wählten ein schmales Gässchen, das durch altes Gemäuer ins Zentrum der Altstadt führen musste. Niemand begegnete uns auf diesem Weg, und uns beschlichen leise Ängste. Doch bald entdeckten wir, dass uns aus so mancher Mauerluke wachsame Kinderaugen beobachteten.

An einem Brunnen trafen wir viele Kinder, die uns bestaunten und sofort auf Englisch Kontakt mit uns suchten. Nach einem kurzen, sehr freundlichen Gespräch erboten sich einige Kinder, uns Hebron zu zeigen, was wir gern annahmen. Jetzt waren wir in guten Händen, und unsere leisen Sorgen verflogen.

Wir kamen in belebtere Gegenden, wo auch gehandelt wurde. Immer wieder trafen wir Kinder, die mit kleinen Bauchläden Süßigkeiten verkauften. Keines von ihnen hatte ein Bonbon oder einen Kaugummi im Mund, ihnen blieb nur die Arbeit, ihre Leckereien gehörten den Käufern. Bei diesen kleinen Händlern kaufte ich Kaugummis für unsere freundlichen Stadtführer ein und schob ihnen dabei einen süßen Bissen von ihren Waren in den Mund, was sie sehr erstaunte und erfreute, uns alle aber belustigte und die Kinderschar beständig vergrößerte.

So kamen wir zur großen Moschee, unter der sich Abrahams Grab wie auch die Gräber seiner Familie befinden. Damit ging die amüsante Stadtführung zu Ende. Doch der Anführer unserer Begleiter nötigte uns über die Straße zu einer Haustür, wo ein Esel angebunden war. Er graulte das Tier zwischen den Ohren und sprang sehr geschickt rittlings auf dessen Rücken. Bravo! Wir klatschten. Schließlich arbeitete sich der Reiter höher und kniete alsbald freihändig auf dem Esel, der sich nicht
rührte. Wir klatschten abermals. Nun kam der Höhepunkt. Unser Reitartist stellte sich auf seine Füße und richtete sich langsam auf. Der Esel stand wie angewurzelt, und auf ihm mit ausgebreiteten Armen ein kleiner Held, der nun unseren stürmischen Beifall genoss. Wir schossen einige reizvolle Fotos und verabschiedeten uns, indem wir viele kleine Hände drückten.

Nun konnte ich zu Vater Abraham.

Ich betrat die Moschee und fand seine Gedächtniskapelle, den ehrwürdigen Ort dreier Weltreligionen. Mit großem Respekt erinnerte ich mich seines konsequenten Weges heraus aus menschlichen Gebundenheiten in die größeren Horizonte Gottes hinein. Sicher hätte er heut seine Freude an uns, seinen Kindern, gehabt, die zwar aus verschiedenen Völkern kamen, aber völlig ungebunden aufeinander zugingen und sich dabei sehr gut verstanden haben.

Ich mache dich sehr fruchtbar und lasse Völker aus dir entstehen.
Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkommen,
Generation um Generation, einen ewigen Bund:
Dir und deinen Nachkommen werde ich Gott sein.
Dir und deinen Nachkommen gebe ich ganz Kanaan,
das Land, in dem du als Fremder weilst, für immer zu eigen,
und ich will ihnen Gott sein (Gen 17:6-8).

Kommt, wir gehen nach Betlehem! (Lk 2,15)

Was wäre eine Pilgerfahrt nach Israel ohne Betlehem? - Auch wenn fast täglich Unruhen aus dieser Stadt im palästinensischen Westjordanland gemeldet werden - wir mussten dahin.

Schnell brachte uns der Bus die wenigen Kilometer von Jerusalem nach Betlehem - der Stadt Davids. Schon bei der Anfahrt konnten wir einen trutzigen, künstlich aufgeschütteten Festungsberg erblicken - das Herodeion, auf dem der berüchtigte König Herodes begraben sein soll. - Doch uns zog es zur Geburtsstätte Jesu. Schon bald hielt der Bus auf dem großen Platz vor der Geburtskirche. Wir standen zunächst enttäuscht vor abweisenden "Festungsmauern", wird doch diese Basilika von wohl befestigten Klöstern verschiedener Konfessionen schützend eingeschlossen. In einem zugemauerten Torbogen entdeckten wir eine sehr kleine Tür, durch die immer nur eine tief gebeugte Person die Kirche betreten kann. Man hatte aus den bitteren Erfahrungen früherer Jahrhunderte gelernt, als wilde Horden das Heilige Land verwüsteten, auf ihren Pferden durch die hohen Portale in die Kirchen eindrangen, sie plünderten und nieder brannten. Noch heut sind die entsprechenden Schutzmaßnahmen aus dem Mittelalter in der Architektur erkennbar.

Es dauerte recht lange, bis unsere Gruppe durch die kleine Tür in diese wundervolle Kirche gelangt war - eine fünfschiffige Basilika mit herrlichen Wandmosaiken und Ikonen, einem prächtigen Mosaikfußboden, der leider zum größten Teil abgedeckt sein muss, um ihn zu schützen, und einer geheimnisvollen Ikonostase. Im rechten Seitenschiff kann man Kerzen kaufen, die an diesem heiligen Ort auf einem vielfachen Leuchter angesteckt werden können, um ein sinniges Zeichen zu setzen. Als wir die Kirche betraten, umarmten sich vor diesem Leuchter ein Franziskaner und ein griechisch-orthodoxer Mönch in großer Freude über ihr Wiedersehen nach einer langen Trennung.

Vom Altarraum aus führen Stufen zu einer Tür, die uns den Zugang durch einen dunklen, felsigen Gang - vorbei an Kindergräbern und der Zelle des heiligen Hieronymus - in die Geburtsgrotte eröffnete. Diese bescheidene Unterkunft der Heiligen Familie ist im Laufe der Jahrhunderte zu einer Kapelle gestaltet worden - geschmückt mit vielen Zeichen ehrfürchtiger Anbetung. Unter dem Altar befindet sich die mit Marmor ausgelegte, mit Ikonen und Ampeln ausgestattete Stelle, wo Maria das Jesuskind geboren hat. Dort liegt ein Silberstern auf dem Boden, denn dort stoßen Himmel und Erde zusammen. Der Stern verkündet mit seinen vierzehn Strahlen schon den Kreuzweg mit seinen schmerzlichen Stationen, den unsere Welt für ihren "Retter" bereit hält.

Wir hatten das Glück, für einige Minuten still und allein in dieser Felsgrotte in Betlehem an der selben Stelle wie ehemals die Hirten zu knien und uns besinnen zu können. - Wie oft schon hatte sich auch für uns "der Himmel geöffnet" in so mancher gelungenen Liturgie, und wir haben "die himmlische Botschaft" gehört aus berufenem Mund, woran uns der Kirchenlehrer St. Hieronymus erinnert; wir haben "den Gesang der Engel" vernommen in Weihnachtsmusiken, in Mosaiken und Ikonen, in vielen herrlichen Kunstwerken, die das Weihnachtsereignis verkünden; uns wurde aber auch "die Finsternis" unserer Welt bewusst durch das mächtige Herodeion - gut sichtbar von Betlehem aus - und die Kindergräber in dem dunklen Felsengang zur Geburtsgrotte; der Leuchter im Seitenschiff aber zeigt, dass auch "ein kleines Licht" große Dunkelheiten vertreiben kann; die beiden Mönche machen deutlich, dass "Friede den Menschen guten Willens" alle Grenzen überwinden kann, und die Architektur aus alter Zeit lässt uns wissen, dass trotz aller Zerstörung durch Gottes Willen immer wieder "Auferstehung" geschieht. Die kleine Kirchentür mahnt, dass nur, "wer klein sein kann", die Größe Gottes und sein machtvolles Wirken erkennen und in sein Reich gelangen kann.

So wird die bekannte Weihnachtsbotschaft zu einem Weihnachtsgeschehen, das jeder Pilger, der sich ihr öffnet wie die Hirten, in tiefer Freude erfahren kann - und wohl nicht nur in Betlehem.

 

In deinen Toren, Jerusalem

Eines Tages im Jahr 1987 schickte mir mein Freund aus München, der mich seit fünfzehn Jahren regelmäßig besuchte, einen eigenartigen Brief. Er klagte darin über die schwere und große Aufgabe, für sechs seiner Studenten die Priesterweihe ausrichten zu müssen, die in wenigen Wochen anstehe, und „bettelte“ mich gleichsam, zu diesem Anlass das Amt des Festpredigers zu übernehmen. Diese Idee hatten wir bei seinem letzten Besuch mit viel Gelächter und Wehmutseufzern und einer Flasche guten Wein "erarbeitet", doch konnte ich sie unmöglich ernst nehmen.

Ich hatte nicht die leiseste Hoffnung auf eine Reiseerlaubnis, doch wollte ich nichts unversucht lassen. Also ging ich mit diesem Brief zu der entsprechenden DDR-Behörde, um einen Reisepass in die BRD zu beantragen. Wie ein Komiker, der einen Sketsch improvisierte, kam ich mir vor, als ich dem Beamten die Einladung meines Freundes auf den Schreibtisch legte. Der Diensthabende las aufmerksam und war beeindruckt. Ich staunte über meine Vermessenheit, eine Chance zu ahnen und versuchte ernst zu bleiben, durfte ein Reiseantragsformular ausfüllen und voll gemischter Erwartungen wieder nach Hause gehen.
Wochen vergingen. Inzwischen kam ein weiterer Brief meines Freundes an mit der Bitte, bei meinem Kommen für seine Studenten einen Vortrag zu halten über ganz bestimmte Schriftstellen im Neuen Testament. Ich erkannte sofort anhand dieser Stellen eine ganz bestimmte Tour durch Israel.
Auch das war ein Kapitel dieser Idee, die bei jener wehmütig-fröhlichen Weinrunde entstanden war. Ein DDR-Bürger in Israel - unvorstellbar. Verrückt - was mir mein Freund da einbrockte.

Einige Tage vor dem beantragten Termin wurde ich telefonisch zum Amt für Aus- und Einreisen gerufen, es gehe um meinen Antrag. Dort versuchte man ein „freundliches Gespräch“ mit mir, bei dem ich vorsichtshalber sehr wortkarg blieb, und konnte schließlich mit weichen Knien und einem genehmigten Ausreiseantrag in zitternden Händen nach Hause eilen, um schnellstens meine Reisevorbereitungen zu treffen. Ich konnte es nicht fassen, aber drei Tage später bestieg ich den Zug, der mich nach gründlichen Überprüfungen an der Grenze klopfenden Herzens nach dem "Westen" brachte.
Nach unserer stürmischen Begrüßung auf dem Münchener Hauptbahnhof eröffnete mir mein Freund, dass ich nach Ausstellung eines BRD-Passes mit dem Bayerischen Pilgerbüro für acht Tage nach Israel fliegen werde.

Wie freute ich mich, als man mir sagte: „Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern“ (Ps 122,1).

Ich versuchte mich zu fassen, doch er zerrte mich des BRD-Passes wegen zu einem Passbild-Automaten und schließlich in das Rathaus seines Stadtbezirkes. Am nächsten Tag schon war ich ein Bundesbürger, der sich korrekt ausweisen konnte.

Im Terminal 1 wurde ich einer freundlichen Reisegruppe zugeschoben, mit der ich wie im Traum das Flugzeug bestieg.
Der Zeitpunkt unseres Starts rückte heran und wurde beträchtlich überschritten. Das Flugzeug rührte sich nicht. Das Personal lief sehr geschäftig durch die Reihen, das Licht wurde an und wieder aus geschaltet... Nach zwei Stunden wurde uns auf Englisch erklärt, dass ein Batterieaufladegerät nicht richtig funktioniere. Uns wurde ein Trink gereicht, billige Propagandafilme über das Land Israel wurden uns vorgeführt, ungeduldig gewordene Passagiere beruhigt – vier Stunden vergingen, in denen ich versuchte zu kapieren, dass ich – wie und wann auch immer – nach Israel fliege, was schließlich auch geschah. Wir flogen hinein in die Nacht, landeten in Tel Aviv und durften dort weitere drei Stunden auf unser Gepäck warten, weil da gerade gestreikt wurde.
Nun drehten auch die friedlichsten Passagiere durch. Ich aber behielt meine gute Laune, war ich doch tatsächlich in Israel gelandet – Plakate zeigten es, Reklamen, Landkarten, mehrere schwarz gekleidete orthodoxe Juden liefen aufgeregt umher, die wohl einen angesehenen Rabbi erwarteten. Ich war in Israel, alles andere war zweitrangig und alles weitere wird sich finden.
Endlich wurden wir zu unserem Hotel gebracht und die notwendigen Formalitäten erledigt. Dann „fielen“ wir todmüde in die Betten.
Da wir nichts versäumen wollten, stiegen wir nach einer sehr kurzen Nacht in den Bus, der uns nach Jerusalem bringen sollte. Ich war in so gespannter Erwartung, dass ich im Gegensatz zu den anderen Reisegefährten in dem bequemen Reisebus kein Auge zu brachte. Schließlich fuhren wir nach Jerusalem – ich konnte es noch immer nicht fassen.

Nach ca. 40 Minuten hielten wir auf freiem Feld. Der Reiseleiter bedeutete uns mit einer stillen Geste, ihm zu folgen, und so stiegen wir alle aus. Er wies in Richtung der Straße, die noch vor uns lag und nun beständig bergan führte. Unsere Augen folgten seinem Finger und wir sahen im Licht der aufgehenden Sonne die Mauern von Jerusalem.

Jerusalem, du starke Stadt, dicht gebaut und fest gefügt.
Dorthin ziehen die Stämme hinauf, die Stämme des Herrn,
wie es Israel geboten ist, den Namen des Herrn zu preisen.
Denn dort stehen Throne bereit für das Gericht, die Throne des Hauses David.
Erbittet für Jerusalem Frieden! Wer dich liebt, sei in dir geborgen.
Friede wohne in deinen Mauern, in deinen Häusern Geborgenheit.
Wegen meiner Brüder und Freunde will ich sagen: In dir sei Friede.
Wegen des Hauses des Herrn, unseres Gottes, will ich dir Glück erflehen (Ps 122,3-9)

Die Zeit blieb für mich stehen. Ich schaute die heiligen Stätten und vergaß alles andere - Abfahrtsort und -zeit unseres Busses, Hunger und Durst, unser Hotel und sonstige "Vordergründigkeiten", so dass die Gruppe mich oft in die notwendigen Realitäten zurück holen musste.

Wir folgten den Spuren Jesu in dieser Stadt und im ganzen Land und ich gewann tiefe Eindrücke und heilsame Einsichten, so dass mir die biblischen Texte nicht mehr wie tiefsinnige Erzählungen erschienen; sie gingen mir auf wie neue Realitäten, die ich noch gar nicht erkannt hatte sie zerschmetterten mich gleichsam. Auf diesem heiligen Boden leuchteten mir die Gleichnisse Jesu anders ein als durch die trockenen Erklärungen unserer biblischen Kommentare. Alles, was ich theoretisch glaubte, war viel größer, näher, wahrer als ich mir vorgestellt hatte.

Ich lernte auch die heiligen Stätten der Juden und der Muslime kennen, deren tiefe Ehrfurcht vor dem einen Gott, unser schmerzliches Gegeneinander, aber auch unser beglückendes Miteinander im Bemühen, diesem einen Gott ehrlich zu gehorchen, ihn zu verstehen und ihm glaubwürdig zu dienen.

Nun kann ich frohen Herzens mit den Jerusalem-Pilgern aller Jahrhunderte aus Nord und Süd, Ost und West singen:

Groß ist der Herr und hoch zu preisen in der Stadt unseres Gottes.
Sein heiliger Berg ragt herrlich empor; er ist die Freude der ganzen Welt (Ps 48,2f).

ROM

„Rom sehen und dann sterben“, lautet ein Sprichwort, das angeblich jeder Bewohner nördlich der Alpen mit einem Sehnsuchtsseufzer bestätigt.
Auch mich zog es nach Rom - aber nicht um dann zu sterben.
Rom war für mich eine Stätte der Sehnsucht, denn als Bautzener Dom-Ministrant hatte ich vieles über die Martyrer und Päpste gehört, von wunderschönen und sehr alten Kirchen, den Apostelgräbern, Katakomben und dem Vatikan; in Kunstgeschichte hatte ich Faszinierendes aus dieser Stadt zu sehen bekommen, und 1960 konnte ich Bilder großartiger Architektur der untergegangenen Herrlichkeit Roms in meinem Lateinbuch träumerisch bewundern.
Mir wurde immer klarer: Rom wäre für mich eine große Bereicherung, die Erfüllung eines Lebenswunsches. Ich musste es sehen.


Wäre das nicht eine großartige Herausforderung für einen Tramper? -
Einige meiner Klassenkameraden im Norbertinum – eine kirchliche Oberschule für angehende Theologiestudenten - sagten, als sie von meiner Idee, nach Rom zu trampen, hörten: „Du bist verrückt!“ -„Nun - wir werden ja sehen“, erwiderte ich.
Von „freundlichen Studentenvereinigungen“ im Westen hatte ich gehört, die arme Studenten aus der DDR unterstützen würden. Also fragte ich mich in Berlin zu den Stellen durch. Ohne große Probleme wurde für mich ein Flugticket nach Hannover – der billigste Flug - reserviert, wofür meine Westberliner Tante den nötigen Beitrag spendierte wie auch Unterkunft und Verpflegung für mich einen Tag vor meinem Flug.
Endlich wurde es August 1961 und der ersehnte Tag rückte heran.
Mein Zug traf pünktlich in Berlin-Ost ein. Ich bestieg die S-Bahn, um nach Berlin-West zu gelangen. An der Grenze hielt die Bahn ziemlich lange. Ein Grenzpolizist lief durch den Zug, schaute mich prüfend an und forderte mich auf, ihm zu folgen. Mit gleichgültiger Miene aber heftig klopfendem Herzen trottete ich hinter ihm her. Schon saß ich in einer Bahnhofsbaracke vier Grenzpolizisten gegenüber, die mich amüsiert musterten. Rom dürfte nun für mich „gestorben“ sein.
Schon stürzten sich die vier auf mich: „Wohin? – Woher? - Warum? – Wieso? - ...“
Man verdächtigte mich der Republikflucht. Ich versuchte, so ruhig und naiv wie möglich zu antworten, wobei mir so manche DDR-Phrase sehr zustatten kam. Nur keine Angriffsfläche bieten. Und warum soll sich ein DDR-Oberschüler nicht West-Berlin anschauen dürfen, zumal West-Berlin ja damals laut DDR-Lehrmeinung Territorium der DDR war.
Aber die Zeit lief. Der „Kampf um Rom“ war unvermeidlich. Also griff ich an.
„Was soll eigentlich diese Schikane? – Will man uns Theologiestudenten besonders attackierten? –
Warum siebenmal die selbe Frage? – Gibt es denn irgendeinen Verdachtsmoment? - ...“
Ich hatte sehr wenig Gepäck und nichts Verdächtiges bei mir, außerdem verließ ich doch das DDR-Territorium nicht.
Schließlich ließ man mich allein und hielt „Kriegsrat“. „Experten“ beobachteten mich ratlos, stellten noch einige „Fangfragen“ und – ließen mich nach ca. 45 Minuten endlich gehen.
Der „Kampf um Rom“ war gewonnen. Ich hätte kreischend über den Bahnsteig springen mögen, aber langsam und mit gleichgültiger Miene für die mich verfolgenden Blicke der wachsamen Grenzpolizisten suchte ich meinen Zug und fuhr nach Berlin-West.
Am nächsten Morgen flog ich nach Hannover und trampte immer nach dem Süden, besuchte meine westlichen Brieffreunde in Süd-Deutschland, die mir einiges zusteckten für meinen Tramp nach Rom.
In München erfuhr ich vom Mauerbau in Berlin. – Was nun? –
Ich kam zu dem Entschluss: „Jetzt bin ich einmal hier, ich pilgere weiter nach Rom!“

Dem österreichischen Grenzer gefiel mein DDR-Ausweis nicht, aber das ist kein Hindernis für einen Rom-Pilger. Ein paar Andeutungen aus meiner jüngsten Geschichte in Berlin überzeugten ihn.
Damit war der Weg nach Italien und damit nach Rom frei.
Ich war entzückt von Venedig, erschrocken durch die Schüsse der Vogeljäger am frühen Morgen auf freiem Feld irgendwo in der Po-Ebene, die mich aus dem Schlaf rissen, und glücklich in Florenz. Aber ich musste weiter, denn Rom zog mich unwiderstehlich an.
Um Mitternacht erreichte ich tot müde das sehr muntere Rom, fand recht bald eine Parkbank,
auf der ich tief und fest einschlief.
Gegen 6 Uhr weckte mich der morgentliche Verkehrslärm. Ich erfrischte mich an einem prächtigen Renaissance-Brunnen und orientierte mich. Dann eilte ich auf mein ersehntes Ziel zu – die Peterskirche.

Wohl sah ich die verlockenden Hinweisschilder geschichtsträchtiger Monumente – Kolosseum – Forum Romanum – Pantheon – für mich gab es im Augenblick aber nur eine Richtung.
Ich erreichte den Tiber. Ja – hier müsste doch endlich die Kuppel der Peterskirche zu sehen sein. Ich schaute und schaute und entdeckte allerhand bekannte Gebäude, die ich von Fotos her kannte, aber die Peterskirche - ? ...
Endlich schaute ich nach links – da stand sie - alles überragend und strahlend hell in der Morgensonne. War das ein Traum? – Ich zwickte mich mehrmals – aber ich stand tatsächlich vor der Peterskirche in Rom.

Langsam ging ich auf sie zu in dem Bewusstsein: Nichts kann mich mehr hindern mein Traumziel zu erreichen. Jede Stufe, die mich den immer größer werdenden Portalen näher brachte, wurde zu einem Erlebnis.
Am Eingang wurde mir der Rucksack vom Rücken genommen und eine metallne Marke in die Hand gedrückt. Sehr erleichtert – beinahe schwebend - betrat ich das Gotteshaus, das so früh noch recht still und leer erschien. Was für ein herrlicher Kirchenraum!

Ich schritt auf den Hauptaltar zu und hatte das Gefühl, als käme ich nicht von der Stelle. Das lag an der enormen Größe der Kirche, die aber durch die harmonischen Proportionen des Raumes wohltuend aufgefangen wurde.
Endlich kniete ich an der Begrenzung des Altarraums mit dem Blick auf das Grab des Apostels Petrus in der Krypta und in die zum Himmel weisende Kuppel über dem Altar.
Ich war angekommen.

Lange blieb ich in der Peterskirche - schaute – träumte – meditierte – betete – und konnte nun meine Anliegen in Ruhe bedenken - die noch sehr unklare Rückkehr zu meinem Platz in der sich einmauernden DDR, - mein Versuch, dort Theologie zu studieren und mein notwendiges, volles Ja dazu, - meine Bitten für alles, was sich im Herzen so ansammelt,
- aber auch den großen Dank für alle die freundlichen Helfer und die glücklichen Umstände, die mir Rom ermöglicht haben.

Ich konnte noch einige Tage in Rom bleiben, war pausenlos auf den Beinen, vor lauter großartiger Eindrücke vergaß ich zu essen, kam mit vielen ins Gespräch, fand mich aber immer wieder in der Peterskirche ein, wo ich Ruhe, Motivation für alles Kommende und Sicherheit fand.

Vier Tage vor meinem Rückflug Hannover-Berlin trampte ich nach Ostia und an der Küste entlang nach Pisa und Genua und erreichte pünktlich mein Flugzeug in Hannover.
In West-Berlin erkundigte ich mich über eine Rückkehr durch die Mauer nach Ost-Berlin und wusste sodann, was ich zu tun hatte. Ich bestieg die S-Bahn – Kurzverhör an der Grenze – D-Zug nach Magdeburg – Straßenbahn zum Norbertinum und mit drei Tagen Verspätung hinein ins neue Schuljahr.
- Mein weiterer Weg war ja nun klar.

Getsemani

Ölbäume -
knorrig,
Jahrtausende alt,
ausgehöhlt, doch silbrig belaubt,
bringen noch immer Frucht zur Reife -
hüten den Ort
dort
wo zerronnen alle Träume
vor der tückischen Gewalt.

Felsgestein -
hart,
von Blut benetzt,
das die Angst aus Poren trieb,
aber Halt gab seinen Knien -
bezeichnet den Ort
dort
wo sich Jesus ganz allein
aller Bosheit ausgesetzt.
Heil´ger Raum -
still,
gedämpft erhellt,
weiß von Schläfrigkeit und Furcht,
falschem Kuss und Finsternissen -
birgt den Ort
dort,
wo sich IHM mit Fels und Baum
Anbetung und Dank erstellt.